YOGA FÜR JEDEN – YOGA INDIVIDUELL ANGEPASST
AUS DER KATEGORIE “YOGA ERLEBNISSE”;
HEUTE; – “YOGA MIT BESONDEREN MENSCHEN”
Als eine der ersten tiefer gehenden Einsichten aus meiner allerersten Yogalehrer Ausbildung nahm ich mit, dass Yoga für jeden individuell angepasst sein müsse. Diese große Message stammt von Sri Tirumalai Krishnamacharya – der heute weitestgehend als Urvater des modernen Yoga anerkannt wird. Seinen Yoga, den er vielen berühmten zeitgenössischen Lehrern (u.a. Mark Whitwell, Indra Devi) beigebracht hat, war geprägt davon, dass Yoga den individuellen Bedürfnissen des Einzelnen angepasst sein müsse.
Groß geworden und ausgebildet in eher westlich geprägten Yoga Stilen (Vinyasa Power Yoga, Jivamukti Yoga, die vor allem in Gruppen unterrichtet werden), war es für mich in den ersten Jahren schwer, diese Idee umzusetzen und auf meinen Unterricht anzuwenden.
Erkenntnisreiche Erfahrungen durfte ich in den letzten Jahren vor allem durch “besondere” Yoga-Teilnehmer*innen machen; Teilnehmer*innen, die aufgrund besonderer körperlicher Voraussetzungen eben nicht einfach in jeden Gruppen-Unterricht spazieren können.
Eine wunderbare Erfahrung ist dabei unter anderem der Unterricht mit einer bereits über 70-jährigen “Schülerin”;
Mit ihr entdeckte ich, dass das Wunder des Lebens auch noch in vielleicht schon älteren und angeschlageneren Körpern schlägt und weiter leben möchte.
Der Unterricht mit ihr lehrte mich, dass eine Einheit Yoga Nidra (yogische Tiefenentspannung) und ruhiges Atmen manchmal Welten bewegen können (vielleicht mehr als es jede Asana vermocht hätte).
Ich entdeckte mit ihr gemeinsam aufs Neue, wie eng Atem und unsere Geist- und Emotions-Aktivitäten zusammenhängen; – durch unsere Praxis konnten wir alte, gewohnte Atem-Muster immer wieder durchbrechen und es war deutlich spürbar wie sich ihr gesamtes System und Fühlen dadurch veränderte.
Daneben verstand ich auf eine andere und mal wieder neue Art und Weise das von Mark Whitwell (nach seinem Lehrer Krishnamacharya) viel gelehrte Prinzip, dass der Atem die Asana kreiert; gerade bei alten Menschen sind viele Positionen und Bewegungen einfach nicht mehr so möglich, wie wir als Yogalehrer das vielleicht gerne hätten und ausführen würden.
Also atmeten wir erstmal, kamen zur Ruhe, spürten den Atem, versuchten ihn zu vertiefen, versuchten einfach mit ihm zu sein und den Strom des Lebens im Körper wahrzunehmen. Dies war unsere Basis; eine achtsame und tiefe Atem- und Körperverbindung.
Damit war Yoga schon geschehen – das Fundament und die Essenz von Yoga – die gefühlte Atem- und Körper Verbindung war vorhanden!
Hier aus dieser Basis ließen wir Bewegungen entstehen – durch die bewusste Atem-Körper-Verbindung floss Energie, pulsierte der Atem- und Lebensstrom in ihren Zellen, war ihr Bewusstsein aufgeweckt und präsent im ganzen Körper – und aus dieser Ausgangsbasis heraus entstanden die für sie und den aktuellen Moment passenden Bewegungen.
Das Leben, das mehr und mehr anfing in ihr zu fließen, half ihr in den Fluss zu kommen und Bewegungen entstehen zu lassen, die zu Beginn des Unterrichts nicht oder nur mir Schmerzen möglich gewesen wären.
Die Verbindung zum Leben war für sie deutlich spürbar.
Eine anderes schönes Yoga Erlebnis machte ich gerade in den letzten Wochen;
YOGA MIT MEINER 86 JÄHRIGEN GROSSTANTE
Sie lebt seit einigen Jahren bei meinen Eltern und war all die Jahre immer teilweise pflegebedürftig. In den letzten Monaten verschlechterte sich ihr Zustand, es gab Krankenhausaufenthalte und wir rechneteten in der ersten August Woche damit, dass sie bald ihre Reise antreten würde. Ich beschloss in dieser Zeit zu meiner Familie in die Eifel zu Besuch zu fahren und zu schauen, ob ich bei ihrem Übergang für sie da sein könnte.
Aber es kam dann ganz anders als gedacht:
In den ersten Tagen bei meiner Ankunft schien sie tatsächlich auf dem Weg ihrer letzten großen Reise zu sein; zurück im Haus meiner Eltern brauchte sie viel Hilfe beim Waschen, Toilettengängen, Anziehen usw. Ihre Gedanken und Äußerungen schienen ihr Loslassen anzukündigen und wirkten schon teilweise wie nicht mehr von dieser Welt.
Da meine Eltern beide noch aktiv in ihren Jobs sind, kümmerte ich mich die letzte Woche um sie – zunächst mit Gesprächen und den alltäglichen Bedürfnissen von Waschen, Toilettengängen und Mahlzeiten zubereiten. Ich wartete auf mein Gefühl, wann und ob es soweit war, dass wir uns auch auf einer anderen Ebene begegnen konnten.
Da sie starke Schmerzen in ihrer rechten Hüfte hatte, bot ich ihr an sie zu massieren und ihr in diesem Bereich etwas Gutes zu tun;
Erste Yogapraxis
Ich begann mit einer Massage ihrer schmerzenden Hüfte und am unteren Rücken und sie dabei bewusst und loslassend zu atmen. Schnell realisierte ich, dass ihr Atem kurz, hektisch war – und sich sehr anstrengend – und keineswegs entspannend und lösend – auch für sie anfühlen musste.
An die Massage hängten wir deshalb dann die ersten Atem-Übungen an; es ging uns einfach nur darum, den Atem zu vertiefen, tief im Körper, Bauch, im Becken und in den Beinen ankommen zu lassen und eine tiefe, ruhige und bewusste, körperverbundene Atmung zu finden.
Schon bald veränderte sich ihr Atem-Muster; sie spürte welchen Unterschied es macht, gleich lang aus- und einzuatmen und sich selbst auch eine lange Ausatmung zu gönnen (anstatt nur tief einzuatmen, aber die lösende und loslassende Wirkung einer langen und tiefen Ausatmung zu vernachlässigen). Sie wurde insgesamt ruhiger und kam allmählich tiefer im Körper an.
In unserer ersten “Yoga-Session” passierte außer diesem Ankommen in Atmung und Körper in diesen 30 Minuten sonst äußerlich nicht sehr viel – energetisch tat sich bei ihr in diesen 30 Minuten und den ganzen Stunden danach aber so Einiges. Sie fühlte sich lebendiger, verbundener und entspannt – und suchte den ganzen Tag immer für sich ihre Verbindung zu ihrem Atem.
ERKENNTNISSE UND WIRKUNG
Dabei kamen ihr die schönsten Erkenntnisse den ganzen Tag über – ohne dass ich sie ihr impliziert hatte – ich hatte ihr kaum Vorgaben gegeben – umso schöner war es für mich zu sehen, dass sogar in einer teilweisen Demenz, die sie immer wieder hat, Erkenntnisse und Prozesse zu spüren waren, die einfach nur durch ihre gefühlte Atem-Körper-Verbindung und Praxis zum Vorschein kommen konnten!
Einige Stunden später am Tag meinte sie z.B. auf einmal zu mir, dass sie das Gefühl habe, dass ihre Schmerzen weniger würden, wenn sie bewusst atmen würde. Ich hatte das mit unserer Praxis nicht beabsichtigt und mir und ihr selbst auch keinerlei Hoffnungen in diese Richtungen gemacht – ein umso größeres und
überraschenderes Geschenk, dass sie diese Wirkung mit sich selbst allein entdeckte und erfahren durfte!
Mein Gefühl in diesen Tagen war, dass sie durch ihre Atem-Körper-Verbindung und Präsenz die angeborene Intelligenz in ihrem Körper wieder wachkitzelte und diese Körper-Lebens-Intelligenz in ihrem gesamten System fließen und wirken konnte.
Ich war am 01. August gekommen um sie bei ihrem Übergang zu unterstützen – wir begannen mit ihrer Praxis, bei der ich nur die Intention hatte, Verbindung, Bewusstsein und Gefühl im Atem und Körper entstehen zu lassen – wo auch immer dann die Reise hingehen würde.
Heute nur sechs Tage nach unserer ersten Yoga Einheit, scheint sie gerade nicht im Geringsten daran zu denken, schon zu gehen. Seit einigen Tagen wäscht sie sich, zieht sich an und macht ihre Toilettengänge wieder komplett alleine, gestern hat sie Kartoffeln geschält, vorgestern beim Bügeln geholfen, heute wollte sie schon alleine den Frühstücks-Tisch abräumen.
ERFAHRUNGS-DANKBARKEIT UND FAZIT
Insgesamt wirkt sie um Welten vitaler und selbstständiger und wieder mehr im Hier und Jetzt, also noch vor 10 Tagen. Das war so, wie gesagt, gar nicht meine Absicht; – aber das kann wohl passieren, wenn das Leben wieder in den Fluss kommen darf und die Intelligenz des Lebens fließen und wirken kann.
Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen mit diesen besonderen, älteren Menschen;
Es liegt so eine Schönheit und so ein Wunder in Ihnen, – welche ich selbst in meinem Alltag oft wieder vergesse.
Diese Ebene der Schönheit und des Lebenswunder sind aber die ganze Zeit im Leben selbst präsent – während wir durch unser Leben wuseln und glauben so viele Dinge tun zu müssen, pulsieren hintendran dieses Wunder und Ebenen.
Yoga ist auch mit dieser Ebene täglich aufs Neue in Verbindung zu gehen.
Die Erfahrung mit den beiden älteren Damen haben mich erneut und in einer Tiefe daran erinnert, dass Yoga nicht exklusiv ist – Yoga ist nicht nur für sportliche, gesunde oder sogar „hippe“ Menschen, – Yoga ist die Verbindung zum Leben selbst! Solange wir atmen können, solange wir leben, können wir Yoga machen – können wir die Erfahrung von Verbindung (zum Leben) erleben.
Mark Whitwell verdeutlichte dies vor einigen Wochen bei einem Workshop nochmal eindrucksvoll, indem er einer Teilnehmerin eine Yogapraxis für ihren Mann empfahl, der ab dem Brustkorb abwärts gelähmt ist. Sogar dann können Menschen (u.a. mit liebevoller und helfender Unterstützung von außen) die Erfahrung von ihrer Atem-Körper-Verbindung machen und so am Leben selbst teilhaben.
Solange der Atem da ist, solange das Leben da ist, ist Yoga möglich. Für jeden für uns.
Nachtrag:
An dieser Stelle Danke an Mark Whitwell und an Sybille Schlegel und Andreas Ruhula, die Mark im Juli nach Mainz in ihr Yogastudio eingeladen haben. Es war eine große Freude und Bestätigung, von ihm persönlich von seiner Lehre zu erfahren.